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UN-Bericht: Rückgang der Agrarflächen in China macht Ernährungsprobleme absehbar (2011)

IPS (Mitch Moxley)

Peking, 21. Januar (IPS) - In einem Land wie China, in dem Hunger kein Fremdwort ist und sich die Landbevölkerung bis heute mit der Frage begrüßen, ob man auch genug gegessen habe, sind Nahrungsmittel fast heilig. Die 1,2 Milliarden Menschen im bevölkerungsreichsten Staat der Welt auch künftig satt zu bekommen, liegt nach Meinung der Experten im Interesse der nationalen Sicherheit.

Doch die landwirtschaftlichen Anbauflächen schrumpfen. Seit 1997 haben Verstädterung, Industrialisierung, Wiederaufforstung und Naturkatastrophen-bedingte Schäden rund 8,2 Millionen Hektar Land zerstört. Zudem sind die Böden des insgesamt 9,6 Millionen Quadratkilometer großen Landes zu 37 Prozent verödet.

'China hat in den drei vergangenen Jahrzehnten bemerkenswerte wirtschaftliche und soziale Forschritte gemacht und mehrere Hundertmillion Menschen aus der Armut geholt. Dieser Erfolg kam auch der Nahrungsmittelversorgung zugute', sagte der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Olivier De Schutter, während seines China-Besuchs im Dezember.

'Jedoch gefährden der Schwund an Ackerflächen und die massive Bodenerosion die Fähigkeit des Landes, die derzeitige landwirtschaftliche Produktion so wie bisher aufrechtzuerhalten', warnte er. Auch die stets wachsende Stadt-Land-Kluft sei eine große Herausforderung für die chinesische Bevölkerung, ihr Recht auf Nahrung wahrzunehmen.

Anpassung an den Klimawandel

Das Recht auf Nahrung setzt voraus, dass Menschen über die notwendigen Einkommen verfügen, um sich Nahrungsmittel zu beschaffen. Auch müssen die Ernährungssysteme nachhaltig sein, damit auch die Ernährung der kommenden Generationen gesichert ist. Der Volksrepublik empfiehlt der UN-Sonderberichterstatter dringend, auf nachhaltige Anbaumethoden umzusteigen. Ohne Anpassungsmaßnahmen wie einem Umstieg auf CO2-sparsame Methoden der Landbewirtschaftung werde der Klimawandel die Agrarproduktion bis 2030 um fünf bis zehn Prozent schmälern.

Im letzten Jahr produzierte China zum siebten Mal in Folge 546 Millionen Tonnen Getreide. Den offiziellen Angaben zufolge verfügt das Reich der Mitte über Getreidevorräte von mehr als 200 Millionen Tonnen und konnte die Bevölkerung im letzten Jahrzehnt zu 95 Prozent aus eigener Kraft versorgen. Peking will im neuen Jahrzehnt zu mindestens 90 Prozent autark bleiben. Dieses Ziel soll durch die Entwicklung neuer landwirtschaftlicher Technologien und einer Verbesserung der Landnutzung erreicht werden, wie He Bingsheng, Direktor der Chinesischen Universität für Landwirtschaft, gegenüber der Tageszeitung `China Daily` erklärte.

Allerdings warnte auch He, einer der führenden Wirtschaftsexperten seines Landes, vor den Folgen schrumpfender Agrarflächen und unausgewogener Landnutzung. 'Ein gewisser Anteil an Importen muss sein', sagte er. 'Doch ist es wichtig, für Ernährungssicherheit zu sorgen, weil die internationalen Märkte den Bedarf eines so großen Land wie China nicht decken können.'

Li Guoxiang, Wissenschaftler am Institut für ländliche Entwicklung der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften, befürwortet eine Politik, die die weitgehende Autonomie des Landes bei der Nahrungsmittelversorgung ermöglicht. Da China nur einen Bruchteil der benötigten Nahrungsmittel importiere, sei es nur marginal von hohen Nahrungsmitteln betroffen, sagte er.

'Wir konnten in den letzten sieben Jahren Getreiderekordernten vorweisen', berichtete Li. 2010 sei sogar ein Anstieg von drei Prozent möglich gewesen. Und obwohl die internationalen Getreidepreise im letzten Jahr angezogen hätten, seien sie in China weitgehend stabil geblieben.

Li zufolge hat die Regierung bereits Schritte gegen den Rückgang der Agrarflächen unternommen. Dazu gehören Investitionen ebenso wie Subventionen für den Agrarbereich. Im letzten Jahr investierte die Zentralregierung 800 Milliarden RMB (120 Milliarden US-Dollar) in den Landwirtschaftssektor. Im laufenden Jahr dürften die Investitionen sogar 900 Milliarden RMB erreichen.

'Nahrungsmittel sind mächtige Waffen'

Doch bleibt in wichtigen Bereichen wie dem Schutz der Ackerflächen und der landwirtschaftlichen Produktivität noch viel zu tun. 'Nahrungsmittel sind mächtige Waffen', sagte Li. 'Niemand kann ohne Nahrung leben. Somit ist die Ernährung ausschlaggebend für die nationale Sicherheit. Der Mangel an Ernährungssicherheit verhindert soziale Entwicklung und löst soziale Unruhen aus.'

Zhao Xiaofeng, Wissenschaftler am Chinesischen Regierungszentrum für ländliche Entwicklung der Huazhong-Universität für Wissenschaft und Technologie in Wuhan in der Provinz Hubei, sieht in Dürren - oft die Folge großer Dammprojekte - auch weiterhin ein großes Problem für Chinas Ernährungssicherheit.

Die Provinz Henan, ein wichtiges Getreideanbaugebiet, hat bereits die Folgen schwerer Dürren zu spüren bekommen. Zhao empfiehlt der Regierung eine Verbesserung der lokalen Wasserinfrastruktur in den Einzugsgebieten der Flüsse und Reservoire. Gefährlich für China wird seiner Meinung nach die Situation, wenn das Land mehr als zehn Prozent seiner Lebensmittel importieren muss. 'China ist das bevölkerungsreichste Land der Welt. Man kann sich gut vorstellen, was passiert, wenn so viele Menschen nicht ausreichend versorgt sind.' (Ende/IPS/kb/2011)

Quelle: IPS, 21.1.2011
www.ipsnews.net/news.asp?idnews=54170


siehe auch: Landwirtschaft in China: Zwischen Selbstversorgung und Weltmarktintegration (pdf-Datei)

Sprache: deutsch
Schlagworte: Forstwirtschaft, Ländliche Entwicklung, Klimawandel
Stichworte: Ernährung